
Ein Bericht von Iris Wiche. Alma ist, im Februar 2012, über das Projekt »Kinderherzen retten« zur Herzoperation aus El Salvador nach Freiburg gekommen. So durfte ich sie kennen lernen- und mit ihrer Mutter bei uns in unserer sechsköpfigen Familie beherbergen.
In den ganzen Jahren, in denen ich Kinder von »Kinderherzen retten« betreue und begleite, hat mich noch keine Begegnung so berührt wie die mit Alma. Daher möchte ich diese Erlebnisse aufschreiben.
Alma ist 16 Jahre alt. Ihre Mutter war 14, als sie von ihrer eigenen Mutter an einen 60 Jahre alten Mann verkauft wurde. Sie hat von diesem Mann 2 Kinder, wofür er die Großfamilie drei Jahre lang ernährt hat. Die heute 30 Jahre alte Mutter lebt mit ihrem neuem Partner und drei von sechs weiteren Kindern unter Planen, ohne Strom, das Wasser wird in Kanistern gekauft und in der Regenzeit gesammelt. Wenn es regnet läuft das Wasser durch die Behausung und wenn sie aus dem „Haus” geht, dann klemmt sie einen Besen unter die Tür , nimmt die Schuhe und einen Lappen in die Hand, um sich dann, wieder auf festem Boden ,die Füße abzuwischen und in die Schuhe zu schlüpfen.
Schulbildung hat die Mutter gar keine, dennoch eine geschickte Lebenstüchtigkeit. In ihrem tiefen Glauben an Gott ist sie dankbar dafür, dass es ihr so gut geht.
Alma ist mit einem schweren Herzfehler geboren und es grenzt an viele Wunder, dass sie 16 Jahre alt geworden ist. Ihre Hautfarbe hat einen bläulichen Ton, ihre Fingernägel sind lila unterlaufen und vergrößert. Sie ist fröhlich, ruhig, sehr schüchtern und malt gerne. Seit drei Jahren geht Alma nicht mehr zur Schule, da der Schulweg für sie zu lang ist.
Am ersten Morgen bei uns duscht sie kalt .Da sie womöglich das erste Mal im Leben unter einer Dusche steht, weiß sie nicht, dass man diese warm stellen kann. Dunkelblau und zitternd vor Kälte sitzt sie mit nassen Haaren bei uns vor dem Ofen, ich dachte sie wird nie wieder warm. - Kaffee, Schaffelldecken und eine Wärmflasche helfen ihr wieder auf die Beine. Am Nachmittag sind wir dick eingepackt spazieren gegangen. Die Bäche und Seen waren alle gefroren. Da ich selber in den Tropen aufgewachsen bin, und mit 16 Jahren meinen ersten Winter erlebt habe, weiß ich, wie unglaublich beeindruckend es ist, zu sehen, dass es Eis und Schnee wirklich gibt. Wir sind nicht weit gelaufen, vielleicht einen halben Kilometer, als Alma sich auf einer Bank zusammenkauert und nicht mehr kann.
Vor der OP haben wir keine weiteren Ausflüge mehr unternommen.
Ich durfte die Mutter nach der OP auf die Intensivstation begleiten als Alma aufwachte… Schlaftrunken hat Alma immer wieder ihre Hände betrachtet… sie hin und her gewendet und gefragt, was mit ihren Händen passiert sei, sie hätten so eine andere Farbe. Alma hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nie ihre richtige Hautfarbe gesehen…
In ihrem Heimatland haben, in der Regel, hellere Menschen ein höheres Ansehen als Dunklere, jetzt ist sie so hell wie ihre Geschwister. Sie fragte mich, wie lange das wohl so bliebe… frisch extubiert, völlig verkabelt auf Intensiv standen dieser jungen Frau Freudentränen in den Augen, als ich ihr, das für sie Unfassbare, mitteilen durfte, dass sie von nun an ihr Leben lang mit dieser Hautfarbe leben würde.

16 Tage nach der Operation sind wir mit Zug und Bus auf den 1492 m hohen Feldberg im Schwarzwald gefahren. Nachdem Alma Schlitten gefahren, durch den Schnee gestapft, einen Schneemann gebaut und eine Wanderung von 2 Kilometern hinter sich hatte , konnte sie nicht aufhören vor Freude zu lachen. Von Müdigkeit, Erschöpfung oder Hautverfärbung keine Spur.

Alma ist im November 2011 das erste Mal in ihrem Leben bei einer Ärztin gewesen. Ihre sehr junge und engagierte Tante hatte sie gegen den Willen der Familie in die kardiologische Praxis von Dra. Nohemy Martinez in Sta Ana gebracht. Alma schwieg die ganze Zeit. Die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, um Alma mit »Kinderherzen retten« (vor Ort liebevoll „corazon aleman“ – „deutsches Herz“ genannt) nach Deutschland zu bringen, würden im Detail jeden Bericht sprengen:
Ihre Mutter hatte Angst und wollte Alma nicht operieren lassen. Als Analphabetin wollte sie Alma auf diese Reise, ins Unbekannte, nicht begleiten. Ohne Genehmigung des leiblichen Vaters, darf Alma das Land nicht verlassen- dieser ist im vergangenen Jahr verstorben. Ihre Tante, welche Alma gerne begleitet hätte, bekommt für die USA aus politischen Gründen kein Visum. (Die Reiseroute geht zwangsläufig über die USA). Viel gutes Zureden, von Sozialarbeitern, einem Anwalt, und vor allen Dingen aber dem unvorstellbaren Engagement von Dra. N. Martinez und Almas Tante ist es zu verdanken, dass Alma jetzt gesund ist.

Seit einer Woche ist sie wieder zu Hause und hat heute, wo ich diese Zeilen schreibe, ihren ersten Schultag. Ich bin unendlich dankbar dafür, diese Erlebnisse mit Alma und ihrer Mutter in unserer Familie geteilt haben zu dürfen.
Iris Wiche im März 2012
(Alma bedeutet Seele)